Grevet – das ist die Kombination von Gravel und Brevet, verrät uns die Homepage des Grevet-Projekts. Das Ziel ist es, die klassischen Brevets von der Straße in den Off-Rroad Bereich zu übertragen, dabei aber den Grundgedanken beizubehalten. Gefahren wird ohne“Support”, entweder allein oder als Duo. Das heißt jede*r Fahrer*in muss aus eigener Muskelkraft und sich selbst versorgend die vorgegebenen Strecken absolvieren. Davon gibtjeweils vier in Dresden und Berlin, die zunehmend länger und anspruchsvoller werden. Für jede Fahrt gibt es Checkpoints mit kleinen Aufgaben, quasi als Ersatz für das sonst übliche Stempelheftchen. Für das Absolvieren der Strecken gibt es einen Zeitrahmen von ca. zwei Wochen, so dass der Startzeitpunkt selbst gewählt werden kann. Das klingt spannend – wir sind überzeugt und wollen uns der Herausforderung stellen.

Planung

Das erste Grevet ist ein 150 km Rundkurs der in Potsdam beginnt und endet. Das heißt zusätzlich zu Verpflegung und Material muss auch die An- und Abfahrt vorbereitet werden. Die Strecke startet direkt am Hauptbahnhof, sodass eine Anfahrt mit den Öffis unkompliziert ist. Aufgrund der Kontaktvermeidung entscheiden wir uns trotzdem für die Anfahrt mit dem PKW. Normalerweise sind wir keine großen Freunde von komplizierten Anreisen für Radtouren. Aber nach einigen Jahren in der Hauptstadt kennt man die direkte Umgebung schon ziemlich gut und wir sind gespannt auf ein paar neue Landschaften und Orte, die wir vorher noch nicht gesehen haben.

Jetzt müssen nur noch die Räder vorbereitet werden. Die stehen eigentlich immer fahrbereit da und es müsste nur eine kleine Tasche für Essen und Regenkleidung montiert werden. Aber zurzeit finden gerade “Umbaumaßnahmen” statt. Am Abend vor der Abfahrt stehen beide unserer Räder ohne Sattel auf dem Montageständer, bei mir fehlen zudem die Laufräder. Es müssen noch zügig alte Tubeless-Reifen auf den eingestaubten 27.5” Laufradsatz aufgezogen werden, die dann hoffentlich beim ersten Versuch die Luft halten. Außerdem werden eigentlich schon aussortierte Sättel wieder aus verstaubten Kisten heraus gekramt und montiert. Wir versuchen Höhe, Neigung und Abstand zum Lenker richtig einzustellen, aber ohne richtige Testfahrt ist das immer schwierig. Last-Minute Änderungen am Fahrrad sind eigentlich ein absolutes No-Go vor einer Langstrecke und wir brechen hier alle Regeln der Vernunft. Es heißt ja „“never change a running system” für solche Herausforderungen und wir hoffen einfach, dass uns die Missachtung dieser goldenen Regel nicht doch noch zum Verhängnis wird. Zu allem Überfluss starten wir erst gegen 12:30, einige Stunden später als geplant, in Potsdam. Ich habe meine Frontleuchte am anderen Rad vergessen und es fehlt ein Ersatzschlauch für die nicht mehr ganz frischen 27.5” Reifen.

Wenn wir das pannenfrei überstehen und bei Tageslicht zurück am Auto sind haben wir wirklich mehr Glück als Verstand, denke ich mir als wir zum Startpunkt des Tracks rollen. Don’t try this at home!

Die Strecke

Gleich zu Beginn der Strecke erwartet uns eine kleine Rampe auf Kopfsteinpflaster und dann sind wir auch schon im Grünen. Waren wir eben noch im Trubel vom Potsdamer Hauptbahnhof unterwegs, ist zwei Minuten später nichts mehr davon zu merken und wir sind mitten im Wald – genial! Auf gut befahrbaren Waldautobahnen fahren wir zügig Richtung erstem Checkpoint.

Durch den verspäteten Start bleibt heute keine Zeit zum Bummeln. Nach ca. 20 km haben wir wieder asphaltierten Boden unter den Reifen. Wir sind auf den Europaradweg R1 gestoßen. Dem folgen wir weiter, bis wir nach einer Stunde Fahrt zum ersten Highlight der Strecke, den Beelitzer Heilstätten, kommen. Wir sehen die Rückseite der Ruinen durch den Wald, bis wir auf die Hauptstraße biegen und die riesigen Backsteingebäude in voller Pracht von vorn betrachten können. Zeit für einen Foto-Stopp nehmen wir uns nicht, wir speichern den Anblick im Gedächtnis. Dank der guten Wege sind wir trotz böigenm Westwind mit einem 25er Schnitt unterwegs. Den brauchen wir aber auch, denn auf den schlechteren Abschnitten wird es langsamer werdenund wir zählen schon die Stunden zum Sonnenuntergang (T-minus 7h an dieser Stelle). Nach den Heilstätten fahren wir noch auf dem Europaradweg bis Neuendorf weiter und am ersten Checkpoint Eulenturm halten wir zum ersten Mal richtig. Wir informieren uns über die anzutreffenden Vogelarten, schießen ein paar Bilder, trinken und essen frischgebackene Haferriegel.

Hier verlassen wir auch erst einmal den Europradweg und fahren auf breiten Platten- und Waldwegen durch Wälder und über Felder. An einem kleinen Fließ zieht ein Angler seinenBlinker durchs Wasser. Aber er schaut uns etwas mürrisch an, wahrscheinlich befürchtet er die lauten Geräusche der Freiläufe schrecken seine Beute auf. Nur 10 km später treffen wir hinter Rottstock (nicht zu verwechseln mit der Hansestadt), wieder auf den bekannten Europaradweg. Ein letztes Mal folgen wir dem Radweg erst durch den Wald und dann über Felder bis zum zweiten Checkpoint.

Hier steht ein alter Traktor wie in einem Schneewittchen-Sarg. Auf der Tafel wird an das Geschenk der einrückenden Roten Armee zu Kriegsende erinnert. Es sollte dabei helfen, auch in Deutschland den Sozialismus aufzubauen. Jetzt wirkt es eher so, als hätte man den Traktor und sein Glashäuschen nach der Wende vergessen. Wir nutzen die Pause zum Lösen der Checkpoint-Aufgabe wieder für die Verpflegung, bevor es auf einer Sandpiste zurück in den Wald geht. Das nächste Zwischenziel gibt der Tour ihren Namen – der geographische Mittelpunkt der DDR.

Bis hier ist man wirklich gut vorangekommen, es war größtenteils flach und guter Untergrund oder Asphalt. So haben wir schon 1/3 der Strecke in nur knapp 2 Stunden geschafft. Aber jetzt wartet der anspruchsvollere Teil des Rundkurses auf uns, und es geht auf dem Weg zum nächsten Checkpoint auch gleich auf einer Sandpiste zurück in den Wald. Wir fahren unter den Bäumen das erste Mal Bergauf. Die Wege bleiben gut, aber es geht stetig Bergauf, bis wir auf eine Eichen-Allee treffen die uns zum Mittelpunkt der ehemaligen DDR führt. Der Checkpoint, nachdem das erste Berliner Grevet benannt ist.

Das war ein kurzer Abschnitt zwischen Checkpoint 2 und 3, aber die kleine Kletterei deutet an, worauf wir uns jetzt eintellen können. Wir lesen die Tafeln und informieren uns über die Bestimmungund Geschichte des Checkpoints. Außerdem gibt es einen Verweis auf weitere geographische Mittelpunkte. Die schöne Allee dürfen wir wieder zurück fahren, biegen aber anders in den Waldab. Es geht noch ein kleines Stück bergauf, bis uns eine zügige Abfahrt zum nächsten Highlight der Strecke bringt, Bad Belzig. Der Track führt uns einmal um die imposanten Befestigungsanalgen der Burg herum. Bei Brandenburgischen Kleinstädten hat erscheint einem ja oft eher ein tristes Bild vor Augen, aber nicht hier.

Bevor wir das schöne Städtchen verlassen müssen aber noch die Wasservorräte aufgefüllt werden und ein Stopp in dem Eiscafé, welches auch eine Brauerei ist, kommt da gerade recht. Bier gibt es hier noch nicht für uns, aber Wasser und eine Kugel Eis stellen uns schon zufrieden. Während wir aus der Stadt rollen, treffen wir mit dem Europaradweg auf einen alten Bekannten, aber wir biegen gleich wieder in den Wald ab um die in der Abfahrt verlorenen Höhenmeter wieder gut zu machen. Das nächste Ziel ist der Hagelberg und damit der höchste Punkt des Tages. Die Waldwege werden etwas holpriger, bevor wir durch einen langen Tunnel wieder auf offene Felder geführt werden. Kurz darauf müssen wir noch eine Schnellstraße queren, die wir den Bauarbeiten zum Dank aber ganz für uns allein haben.

Danach geht es noch einmal stetig bergauf durch den Wald, bis wir endlich in und eine Rampe später auf dem Hagelberg ankommen. Insgesamt über 100 HM haben wir seit Bad Belzig gewonnen und mit einer Höhe von 200m üNN befinden wir uns für Brandenburger Verhältnisse hier in hochalpinem Gebiet. Die Luft ist zwar nicht wirklich sauerstoffarm auf dem Hagelberg, aber aufgrund der letzten steilen Rampe vor dem Gipfel atmen wir trotzdem schwer. Zum Glück wird der Berg seinem Namen nicht gerecht, und bei Sonnenschein genießen wir die weite Aussicht und tragen uns ins Gipfelbuch ein.

Über die Hälfte der Kilometer sind geschafft, vier von fünf Checkpoints sind abgehakt und den höchsten Punkt haben wir auch erklommen. Jetzt kann es weitergehen und nach ein paar Kilometern haben wir auch den westlichsten Punkt der Strecke erreicht. Sobald wir dort wieder Richtung Potsdam abbiegen schiebt uns endlich der Westwind, der uns bis hierhin nur ausgebremst hat. Das ist auch gut so, denn es ist schon nach 17 Uhr und wir haben noch 70 km vor uns. So rollen wir weiter und nehmen langsam wieder Fahrt auf. Erst über Feldwege, dann auf asphaltierten Straßen nach Verlorenwasser und dann tauchen wir wieder in den Wald ab.

Hier erwartet uns der letzte Checkpoint, ein paar verlassene und heruntergekommene Haus-Attrappen, die einst in der DDR zur Ausbildung von Spezialeinsatzkräften genutzt wurden. Jetzt sind die grauen Wände bunt und statt Patronenhülsen liegen leere Farbdosen in den Ruinen. So hat das einstige Militärobjekt noch eine friedliche Nutzung gefunden. Mit einem Bild vor Ort haben wir auch die letzten Checkpoint-Aufgabe abgeschlossen und jetzt müssen wir nur noch im Hellen zurückkommen.

Als wir den Wald bei Ragösen verlassen, beginnt der einzige weniger interessante Abschnitt des Tages. Etwas mehr als 10 km auf der Landstraße führen uns über Golzow bis fast nach Lehnin. Da uns die Dämmerung aber bereits im Nacken sitzt ärgern wir uns nicht weiter drüber, sondern drücken ordentlich aufs Pedal und auf dem Tacho steht vorn meistens eine “3”. So im Rausch wären wir kurz vor Lehnin fast an dem kleinen holprigen Weg vorbeigeflogen, der uns von der Landstraße herunter zum Gohlitzsee führt. In Lehnin stoppen wir gar nicht erst um uns die Klosterkirche anzuschauen, sondern fahren direkt durch und biegen dahinter auf den Radweg Berlin-Hameln. Das eher sandige Waldstück führt uns direkt zum Schwielowsee, den wir von etlichen Ausfahrten bestens kennen. Das hebt die Laune und motiviert für den Schlussspurt.

Über dem Schwielowsee liegt schon das Abendlicht und wir treffen zum letzten Mal für heute auf den Europaradweg und folgen ihm. Nach dem Schwielowsee kommt der Templiner See und die Umgebung wird wieder urban. Haben wir den ganzen Tag kaum eine Menschenseele im Wald getroffen, herrscht hier dagegen richtiger Trubel. Die Menschen flanieren am See oder genießen ein Feierabendbier am Ufer. Wir sehen die ersten hohen Gebäude und ein paar Minutenspäter sind wir rechtzeitig im Ziel angekommen.

Fazit

Das Grevet #1 war eine schöne Herausforderung auf größtenteils komplett neuen Wegen für uns. Die Checkpoints lagen allesamt an interessanten Orten, die man wohl ohne den Hinweis darauf einfach übersehen hätte. Das bringt eine willkommene Abwechslung und man erfährt nebenbei noch etwas über die Gegend, durch die man radelt. Außerdem sind wir trotz der schlechten Vorbereitung nochmal mit einem blauen Auge und ohne Sitzschmerzen oder Platten davongekommen. Für das nächste Grevet werden wir besser vorbereitet sein und sind bereits gespannt auf die nächsten Abenteuer!

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