Erfahrungsbericht · 385 km · Lübeck → Ostsee → Schwerin · Juli 2026
Ein Gastbericht von Felix Rühling über den vierten Hamburger Grevet: 385 Kilometer Gravel mit Nachtstart nach Lübeck, an die Ostsee, über Poel und den Schweriner See zurück — mit Wildschwein, Mittagshitze und Familienpizza am Ende.
Eigentlich hatte ich gar nicht vor, die Hamburger Grevet-Serie dieses Jahr komplett zu finishen. Aber es ergab sich eins zum anderen, die Grevets passten terminlich rein und bauten vom Anspruch her sehr schön aufeinander auf. Tolle Serie by the way!
So also wurde auch Nr. 4 mit der Familie abgestimmt und auf einen Mittwoch und Donnerstag in den Hamburger Schulferien gelegt. Plan war eigentlich, Mittwochfrüh in den Zug nach Lübeck zu steigen und gegen 7.30 Uhr von dort zu starten. Dann verfolgte ich die Wetterverhältnisse: Berstende Autoscheiben wegen faustdicker Hagelkörner in Wittenburg?! Moment, das liegt doch fast auf der Strecke!
Der Wetterradar meldete erneuten Starkregen rund um Schwerin für Donnerstagmorgen. Was macht man also, wenn das Rad gepackt ist und man ohnehin nicht schlafen kann? Man steigt unter Protest der Ehefrau um 1 Uhr morgens in den letzten Zug und nimmt sich vor, die Strecke möglichst bis in die nächste Nacht hinein durchzufahren.
Nachtstart um Viertel nach zwei
So war ich um 2.15 Uhr auf dem Track, der mich erst einmal auf leeren Straßen Richtung Küste führte. Das fuhr sich solange prächtig, bis es im Morgengrauen durch die ersten Moor- und Waldabschnitte ging. Wie lebendig so ein Wald plötzlich wird! Erst waren da nur ein paar Rehe, die mich entgeistert anstarrten. Dann der Fuchs (War er wirklich weiß?!), der ein paar Meter vor mir davonwetzte, um im Moorgebiet irgendwo wieder im Gebüsch zu verschwinden. Und dann, mitten im Wald, rauschte ein ausgewachsener Wildschwein-Eber keine 50 Meter vor mir vorbei. Das hatte etwas von einem Bahnübergang, wenn man den Zug erst in letzter Sekunde bemerkt. Nur, dass ein Eber nicht hupt.
Ab da hatte ich wirklich gute Beine, die mich durch wunderschön vernebelte Wiesenlandschaften trugen, bis ich schließlich die Küste erreichte.

An die Küste
Um kurz vor sechs rollte ich auf die Priwallfähre, hielt gutgläubig vor einem Edeka an, der natürlich erst um sieben aufmachte. Ein Kaffee wäre geil gewesen, aber auch auf meinem Matetee aus der Trinkblase ballerte es sich prächtig auf menschenleeren Promenaden bis nach Boltenhagen zum zweiten Checkpoint. Erste Eindrücke vom Meer, zum Baden war es mir da aber noch zu kühl.

Ab da irgendwann wurde es auf Steilküstentrails ein wenig technisch und die durchgemachte Nacht machte sich bemerkbar. Sandig verspielte Trails, umgestürzte Bäume und Wurzeln verlangen Aufmerksamkeit, die mir wohl etwas fehlte. Einmal nicht aufgepasst und mit der linken Hand einen Baum mitgenommen. Blutende Finger und ein recht tief zerschürfter Unterarm waren die Folge. Dafür gab es da einen herrlichen Sandstrand zum Baden und Salzwasser und Sonne brachten das Blut schnell zum Stocken.
Auf dem Weg zur Insel Poel war Slalomfahren angesagt, weil eben auch viele Rentner gerne früh auf ihre E-Bikes steigen. Nach einem Supermarktstopp und einem ganzen Baguette und einer ganzen Packung Frischkäse habe ich wohl einen Teil der Route ausgelassen, weil mich mein Navi auf dem kürzesten Weg zurückgeführt hat. Poel glänzte dennoch mit wunderschönen Feldwegen, auf denen dann auch nicht mehr ganz so viele E-Bikes unterwegs waren.
Mittagshitze
Es ging auf den Mittag zu und die Sonne brannte immer heißer. In meiner Trinkblase befand sich eine Mischung aus Matetee mit Guarana (8 Beutel!), 500 g Maltrodextrin und Elektrolyttabletten. Ungünstige Mischung, wenn der Magen bei Hitze keinen Bock auf Nahrungsaufnahme hat, der Körper aber dennoch Flüssigkeit braucht. Also immer wieder etwas reingewürgt, Energiebällchen und sogar eine Landjäger eingeworfen. Begeisterung sah anders aus und auch die Müdigkeit machte sich immer breiter. Schließlich als einzige Lösung: Rad unter einen schattigen Baum, daneben legen, eine Stunde schlafen. Danach eine halbe Packung Tropifrutti (die Rettung!) und weiter geht’s!

Irgendwann erreichte ich so über entlegenste Dörfer ohne jede Infrastruktur den Schweriner See, wo ich auf einem Campingplatz kurz vor Schließung eine Ofenkartoffel aus der Mikrowelle genießen durfte. Zusammen mit einem alkoholfreien Radler und Eis war das ein echter Genuss!
Nacht am Picknicktisch
Ein paar Kilometer weiter war ein Picknickunterstand, den ich mir vorher schon bei km 225 als Schlafmöglichkeit ausgeguckt hatte. Es war erst 19.30 Uhr und ich wagte einen Blick auf den Regenradar. Kein Regen mehr angekündigt für morgen früh?! Aussicht auf Frühstück im 20 km entfernten Schwerin?! Badestelle direkt neben dem Unterstand?! Nix mehr los auf dem Radweg daneben?!
So entschied ich mich zu bleiben, genoss noch ein ausgiebiges Bad und legte mich mit meinem Biwaksack auf den Picknicktisch. Einen Schlafsack hatte ich zu Hause gelassen, eine dünne Fleecejacke und meine Regenhose taten ihren Dienst aber prächtig. Ich schlief die Nacht durch und machte mich erst um kurz vor sieben wieder auf den Weg zum nächsten Bäcker. Brötchen, Kaffee, ein Liter Kakao und die Energie für den Tag war da. Die letzten 150 Kilometer konnten kommen!

Zurück nach Lübeck
Schwerin war ein nettes Städtchen, aber ich entschied mich nach einem Toilettengang lieber für die direkte Weiterfahrt. Normalerweise meide ich Städte beim Radfahren und es zog mich wieder auf die holprigen Wege und Trails des Ostens. Hier muss ich überhaupt anmerken, dass die ostdeutschen Pfade vom Untergrund sehr viel vielfältiger sind als ich es als Hamburger gewohnt bin. Vom sandigen Wurzeltrail bis zur schüttelnden Panzerplatte war alles dabei.
Besonders schön waren die vielen Seen auf der Strecke. Ich machte noch einen Badestopp, hörte treibenden UK-Rap, während ich mich heute etwas schneller Richtung Lübeck bewegte. Ein Stück ging es auf der ehemaligen innerdeutschen Grenze entlang, dann wieder am Ratzeburger See. Eine Gegend, die ich schon kannte, nachdem ich mir hier vor zwei Jahren ein Schaltauge zerfetzte.

Diesmal kein kaputtes Schaltauge und überhaupt kein Defekt auf der gesamten Strecke. Da war es auch kein Unheil, dass 20 km vor Lübeck dann doch noch der Starkregen einsetzte und ich gut geduscht nach 385 km Gravel in den Zug nach Hamburg stolperte.

Zuhause bestellte ich eine Familienpizza für mich alleine — die Familie hat nichts abgekriegt! Das ist doch immer wieder das Schöne am Graveln: Davor, dabei und danach darf man essen, was und wieviel man möchte!

Ein Gastbericht von Felix Rühling · Juli 2026 ·

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