Warum wir so lange Fahrrad fahren – und was das mit der Krise der Aufmerksamkeit zu tun haben könnte.
Bei Kilometer achtzig passiert meistens nicht viel.
Die Beine arbeiten. Die Kette läuft. Alle paar Minuten wandert eine Hand vom Lenker zur Flasche. Man schaut auf den Track, wenn eine Kreuzung kommt. Man isst, bevor man Hunger hat, und fährt weiter.
Am Morgen war der Kopf noch voll. Eine Mail, die beantwortet werden müsste. Ein Gespräch vom Vortag. Ein Satz, den jemand gesagt hat und der einem erst Stunden später wieder einfällt. Die Arbeit der kommenden Woche. Irgendein Problem, das zu Hause größer wirkte als jetzt.
Man denkt darüber nach. Dann über etwas anderes. Dann verliert sich auch das.
Irgendwann merkt man, dass man seit zwanzig Minuten an nichts Bestimmtes gedacht hat.
Vielleicht fahren wir deshalb so lange.
Die besetzte Minute
Es gibt einen Zustand, der beinahe aus unserem Alltag verschwunden ist: nichts zu tun zu haben und diesen Umstand nicht sofort zu beheben.
An der Bushaltestelle ziehen wir das Telefon aus der Tasche. Im Aufzug. In der Schlange vor der Kasse. Auf der Toilette. Der Kaffee läuft dreißig Sekunden durch die Maschine; dreißig Sekunden reichen.
Man muss dafür niemanden verantwortlich machen. Nicht TikTok, nicht Instagram, nicht das Smartphone. Die Geräte tun ziemlich genau das, wofür wir sie gebaut haben: Sie bieten etwas an. Immer.
Das ist keine besonders neue Schwäche. Schon im 17. Jahrhundert schrieb Blaise Pascal, das ganze Unglück des Menschen stamme aus einer einzigen Sache: nicht ruhig allein in einem Zimmer bleiben zu können. Er nannte es divertissement, Zerstreuung – die Beschäftigung, die uns davor bewahrt, mit uns selbst allein zu sein. Wir suchen fast alles, um es nicht zu müssen. Neu ist nur, dass diese Suche inzwischen ein Geschäftsmodell hat. Die Zerstreuung, die Pascal meinte, hat heute Anbieter bekommen, Abteilungen, Quartalszahlen.
Das Neue ist deshalb vielleicht weniger, dass wir zu wenig freie Zeit hätten. Darüber haben sich Menschen vermutlich zu allen Zeiten beklagt. Das Neue ist, dass freie Zeit kaum noch unbesetzt bleibt.
Jede Lücke hat einen Anbieter. Eine Nachricht. Ein Reel. Ein Podcast. Ein Newsletter. Die Liveposition eines Pakets, das ohnehin morgen kommt.
Selbst Langeweile ist inzwischen ein Problem, für das wir eine technische Lösung in der Hosentasche tragen. Und wir sind sehr gut darin geworden, sie anzuwenden.
Vielleicht ist das der Grund, warum die Aufmerksamkeit selbst zum Dauerthema geworden ist. Kaum eine Fähigkeit wird derzeit so oft vermessen, betrauert und behandelt. ADHS ist längst keine reine Kinderdiagnose mehr, sondern ein Begriff, mit dem eine ganze Gegenwart sich zu erklären versucht; die eigene Bildschirmzeit lässt sich wöchentlich als Zahl abrufen; und die neueste Maschine, die künstliche Intelligenz, liest, schreibt und denkt streckenweise schon für uns. Man muss darin keine Katastrophe sehen. Aber es fällt auf, worüber diese Zeit sich Sorgen macht: über die eigene Aufmerksamkeit. Man könnte von einer lückenlosen Zeit sprechen – nicht zu wenig Zeit, sondern zu wenig Lücke. Was verloren geht, ist der Leerlauf: Zeit, in der nichts von uns verlangt wird und wir nichts verlangen.
Wie weit das reicht, zeigt eine Meldung aus dem Sommer 2026. Bei einer Rundfahrt in China wurde der Profi Willie Smit disqualifiziert, weil er mit einer Kamera- und KI-Brille gefahren war und die Aufnahmen veröffentlicht hatte. Nicht die künstliche Intelligenz war der Anstoß, sondern die Kamera am Kopf; der Verband zog eine Linie. Aber das Bild bleibt: Die Maschine, die aufzeichnet und ausspielt, wird dem Fahrer inzwischen direkt vor die Augen geschnallt – zuerst dort, wo es um Sekunden und Klicks geht, aber die Richtung ist klar. Selbst der Sattel ist kein sicherer Ort mehr für den Leerlauf.
Warum eigentlich acht Stunden?
Aus sportlicher Sicht sind viele unserer Ausfahrten schwer zu erklären.
Wer fitter werden möchte, muss nicht zwölf Stunden Fahrrad fahren. Die Trainingslehre kennt effizientere Methoden. Intervalle sind präziser. Zwei Stunden im richtigen Bereich setzen oft einen klareren Reiz als ein ganzer Tag auf wechselndem Untergrund mit zu langen Pausen vor Tankstellen.
Trotzdem fahren Menschen zweihundert Kilometer. Oder dreihundert. Sie stehen um vier Uhr morgens auf, schieben ein Fahrrad durch einen stillen Hinterhof, hinaus aus der Stadt, und kommen zurück, wenn andere längst schlafen.
Natürlich gibt es dafür einfache Erklärungen. Abenteuer. Herausforderung. Landschaft. Fitness. Strava. Die Zahl am Ende. Alles richtig.
Aber vielleicht erklärt das noch nicht, warum sich eine lange Fahrt anders anfühlt als eine kurze. Der Unterschied zwischen zwei und zwölf Stunden besteht nicht nur aus zehn weiteren Stunden.
Irgendwann verändert sich die Zeit selbst.
Früher bewies es die Maschine
Dabei ist das lange Fahren keine Erfindung der Gegenwart. Es hatte nur einmal einen ganz anderen Sinn.
Als in den 1890er-Jahren die ersten großen Distanzen gefahren wurden, ging es um die Maschine. Bordeaux–Paris, rund sechshundert Kilometer, im Jahr 1891: Niemand war sicher, ob sich das überhaupt bewältigen ließe; Dörfer entlang der Strecke stellten Essen und Betten für erschöpfte Fahrer bereit. Wenige Monate später Paris–Brest–Paris, zwölfhundert Kilometer, gefahren in gut siebzig Stunden. Der Sieger überholte seinen Rivalen, während dieser in der dritten Nacht am Straßenrand schlief.
Solche Fahrten waren Beweise. Das Fahrrad war eine junge Technik – Luftreifen und Diamantrahmen lösten gerade das Hochrad ab –, und die lange Distanz zeigte, was sie aushielt. Die Hersteller wussten das. Hinter den Fahrern standen Reifenfirmen, die der fahrradverrückten Öffentlichkeit vorführen wollten, dass ihr Material weiter kam als das der Konkurrenz. Bei den Sechstagerennen wenig später fuhren Menschen bis zu dreiundzwanzig Stunden am Tag, kämpften gegen den Schlaf, kollabierten, halluzinierten. Auch das war eine Demonstration: wie weit sich die Grenze verschieben ließ, wie lange ein Mensch der Müdigkeit widerstehen konnte.
Und beides – die Ermüdung des Körpers und die des Kopfes – wusste man schon damals zusammenzudenken. In eben den Jahren, in denen Fahrer sich an der Erschöpfung maßen, wurde die Ermüdung selbst zum Forschungsgegenstand. Der Turiner Physiologe Angelo Mosso baute ein Gerät, um sie zu messen, und veröffentlichte 1891 ein ganzes Buch über sie: La Fatica, „Die Ermüdung“. Ihm fiel auf, dass die Muskelkraft seiner Kollegen nachließ, wenn sie einen Vormittag lang Vorlesungen gehalten und Prüfungen abgenommen hatten. Er unterschied eine zentrale, geistige und eine periphere, muskuläre Ermüdung – und sah beide als Teile desselben Vorgangs.
Einer ging noch weiter. Der französische Arzt Philippe Tissié, einer der Ersten, die das Wort Psychologie auf den Sport anwandten, beobachtete in einer Schrift von 1894 Radfahrer unter extremer Belastung – und beschrieb, wie bei ihnen der Körper gleichsam ohne sie weiterfuhr. Die Beine traten im Automatismus, während das Bewusstsein sich löste, abschweifte, sich verdoppelte, mitunter bis zur Halluzination. Tissié sprach von einem zweifachen Ich; seine Sicht ließe sich in eine Formel fassen, die man heute auf ein Trikot drucken könnte: mit den Muskeln losfahren, mit dem Kopf ankommen.
Er sah die alarmierende Fassung – den erschöpften Fahrer, der im Sattel träumt und nicht mehr weiß, wo er ist. Was viele heute suchen, ist die milde Verwandte davon: nicht die Halluzination, aber dieselbe Entkopplung. Der Körper fährt. Die Aufmerksamkeit ist woanders.
Damals maß man vor allem die Ermüdung des Körpers. Heute wird eher die Ermüdung der Aufmerksamkeit knapp. Dass die beiden zusammenhängen, ist keine neue Einsicht – sie ist so alt wie das erste Sechstagerennen.
Das erklärt die Langstrecke von damals ziemlich vollständig. Nur erklärt es die von heute nicht mehr.
Um 1900 stand sie auf einem ersten Höhepunkt. Danach verschwand sie fast. Der wirkliche Sprung nach vorn hieß bald nicht mehr Fahrrad, sondern Automobil; die Aufgabe, Distanz und Geschwindigkeit zu beweisen, ging an die Maschine mit Motor über. Das Rad wurde Verkehrsmittel, Kinderrad, Sportgerät für Spezialisten. Freiwillig zwölf Stunden zu fahren, blieb über Jahrzehnte einer kleinen Nische aus Brevet-Fahrern und Sonderlingen.
Heute fahren wieder viele sehr weit. Gravel, Bikepacking, Brevets, Ultradistanz – eine breite Hausse, wie es sie lange nicht gab. Nur beweist dabei niemand mehr eine Maschine. Die ist längst bewiesen. Niemand fährt zweihundert Kilometer, um zu zeigen, dass ein Fahrrad zweihundert Kilometer weit kommt. Die Grenze des Materials interessiert kaum jemanden; sie liegt weit jenseits dessen, was wir an einem Tag erreichen. Und die Müdigkeit, gegen die früher gekämpft wurde, ist heute fast das Gegenteil eines Feindes.
Dieselbe Handlung, zwei Spitzen, fast ein Jahrhundert dazwischen. Man kann die Langstrecke lesen wie ein Symptom: Sie zeigt an, was einer Zeit fehlt. Um 1900 fehlte der Beweis, dass die neue Maschine den Menschen weiter trägt, als er je zu Fuß käme. Was fehlt heute, dass Menschen wieder aufs Rad steigen und fahren, bis es dunkel wird?
Den Körper beschäftigen
Fahrradfahren ist eine merkwürdige Tätigkeit. Es verlangt ständig etwas und meistens nicht besonders viel.
Man muss treten. Lenken. Den Untergrund lesen. Ein Loch umfahren. Rechtzeitig essen. Gelegentlich entscheiden, ob der linke oder der rechte Waldweg der richtige ist.
Der Körper ist beschäftigt. Der Kopf aber nur teilweise.
Was dabei mit den Gedanken geschieht, hat die Psychologie umständlich benannt – Mind-Wandering, ruhende Netzwerke, Inkubation. Die Begriffe sind komplizierter als der Vorgang, den sie beschreiben: Gedanken arbeiten manchmal weiter, wenn wir aufhören, sie zu bearbeiten. Eine Idee kommt unter der Dusche, beim Spaziergang, im Zug, solange man nicht auf das Telefon schaut.
Ein vielzitiertes Experiment der Psychologen Benjamin Baird und Jonathan Schooler zeigte 2012 etwas dazu Passendes. Menschen gingen anschließend kreativer an ungelöste Aufgaben heran, wenn sie in der Zwischenzeit eine einfache, eintönige Tätigkeit verrichtet hatten – nicht, wenn sie pausierten, und nicht, wenn sie etwas Anspruchsvolles taten. Ausgerechnet die milde Beschäftigung, die den Kopf schweifen lässt, half am meisten. Ein Rad auf bekanntem Sand ist ungefähr so eine Beschäftigung.
Daraus ist inzwischen selbst wieder ein Versprechen geworden. Langeweile macht kreativ. Spaziergänge steigern die Innovationskraft. CEOs sollen ohne Smartphone in den Wald. Die Gegenwart besitzt ein erstaunliches Talent, selbst die Flucht vor der Produktivität in eine Produktivitätstechnik zu verwandeln.
Vielleicht müssen wir aber gar nicht kreativer werden. Vielleicht muss aus acht Stunden im Sattel überhaupt nichts entstehen. Kein Gedanke. Keine Lösung. Kein Text.
Das wäre die radikalere Möglichkeit.
Weder Schritt noch Motor
Das ließe sich zum Teil auch zu Fuß haben; Läufer und Wanderer kennen den Zustand. Aber das Fahrrad hat eine eigene Zeitskala, und vielleicht liegt darin der eigentliche Unterschied.
Wer geht, bleibt nah. Ein Tag zu Fuß ist ein kleiner Radius, eine einzige Landschaft, langsam durchmessen. Wer läuft, bezahlt jeden Kilometer mit dem ganzen Körper; die Anstrengung ist gleichmäßiger, das Aufkommen des Körpers lauter, und weit kommt man nicht. In beiden Fällen ist man mit sich allein – aber der Tag verwandelt sich nicht in eine Reise.
Wer im Auto fährt, kommt weit und bleibt doch draußen vor. Die Landschaft zieht hinter Glas vorbei, der Körper ist gar nicht beteiligt, und weil er nichts zu tun hat, greift die Hand von selbst zum Telefon. Das Auto ist heute voller Bildschirme. Es bindet zu wenig.


Das Fahrrad liegt dazwischen, und nicht als fauler Kompromiss, sondern als eigene Größe. Schnell genug, dass ein Tag zu einer Bewegung durch Räume wird – Häuser, Felder, Kiefernwald, eine Dorftankstelle, dahinter der nächste Wald. Langsam genug, dass man in diesen Räumen bleibt: der Wind, der Sand, der Geruch nach Regen, die Steigung in den Beinen. Es koppelt den Körper gerade so stark, dass die Hand am Lenker bleibt und nicht am Display – und lässt ihm gerade so viel frei, dass die Gedanken gehen können, wohin sie wollen.
Nicht der Radius des Fußes. Nicht die Isolation des Autos. Eine eigene Geschwindigkeit, in der die Welt groß wird, ohne zu verschwinden. Man muss nichts davon kommentieren, man muss nicht einmal eine Meinung dazu haben. Man fährt hindurch.
Bei Kilometer 140
In einem früheren Text über das Gravelbike als vermeintliches Statussymbol stand ein Satz: Bei Kilometer 140, im Regen, mit leeren Beinen, ist Strava sehr weit weg. Geschrieben war er als Antwort auf einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung, der das Gravelbike zum neuen Porsche der Midlife-Crisis erklärt hatte.
Gemeint war die Unterscheidung zwischen einer Fahrt und ihrer späteren Verwertung. Eine Aktivität kann hochgeladen, vermessen und gezeigt werden. Das erklärt aber noch nicht die Stunden, in denen sie stattfindet.
Vielleicht war der Satz noch nicht genau genug. Bei Kilometer 140 ist nicht nur Strava weit weg. Der Feed ist es auch.

Nicht technisch. Das Telefon steckt in der Tasche. Empfang ist meistens vorhanden. An der nächsten Tankstelle könnte man innerhalb von Sekunden wissen, was in Berlin, in Washington oder in irgendeiner WhatsApp-Gruppe passiert ist. Aber die Ereignisse haben ihre Dringlichkeit verloren.
Das ist ein seltsamer Luxus. Nicht unerreichbar zu sein. Sondern für eine Weile nichts erreichen zu müssen.
Zeit ist nicht gleich Zeit
Unter dem früheren Artikel schrieb ein Leser, das eigentliche Statussymbol sei heute vielleicht die Zeit, ein Fahrrad über mehrere Stunden bewegen zu können.
Der Gedanke ist schwer von der Hand zu weisen. Zwölf freie Stunden sind ungleich verteilt. Wer Kinder betreut, Angehörige pflegt, in Schichten arbeitet oder mehrere Jobs hat, kann nicht einfach am Samstagmorgen verschwinden und am Abend wieder auftauchen. Freie Zeit ist eine Ressource.
Aber vielleicht muss man noch genauer unterscheiden. Denn auch freie Zeit kann vollständig besetzt sein.
Man kann einen Sonntag auf dem Sofa verbringen und am Abend das Gefühl haben, keinen einzigen unbeobachteten Gedanken gehabt zu haben. Nicht weil jemand im Raum war. Sondern weil alle anderen ständig in der Tasche lagen.
Es hilft, hier zwei Dinge zu trennen, die wir gern verwechseln: Struktur und Besetzung. Ein Kalender strukturiert Zeit. Ein Weg strukturiert Bewegung. Eine Aufgabe strukturiert Arbeit. Struktur gibt einem Tag eine Form und lässt ihn gleichzeitig offen. Der Feed tut etwas anderes. Er strukturiert nicht. Er besetzt. Er füllt jede Minute mit dem nächsten Gegenstand, und der nächste steht schon bereit.
Eine gute Route strukturiert den Tag, ohne jede Minute zu besetzen. Vielleicht ist das der ganze Unterschied.
Was heißt eigentlich frei?
Man könnte an dieser Stelle sagen: Der Feed besetzt unsere Aufmerksamkeit, die lange Fahrt gibt sie frei. Aber das stimmt nicht ganz, und die Ungenauigkeit ist interessant.
Beim Fahren ist man ja nicht unaufmerksam. Im Gegenteil. Man liest den Sand. Man bemerkt die Wurzel. Man spürt, dass der Hinterreifen weicher wird. Man sieht die Kreuzung, bevor sie da ist. Man isst rechtzeitig. Das ist eine Menge Aufmerksamkeit.
Der Unterschied liegt also nicht zwischen besetzt und frei. Er liegt zwischen zwei Arten, in Anspruch genommen zu werden – nennen wir sie die endliche und die unendliche Forderung.
Die Wurzel fordert Aufmerksamkeit. Aber sie will sie nicht behalten. Sie braucht dich für eine Sekunde, und danach ist sie vorbei. Der Wald hat keinen nächsten Beitrag vorbereitet. Seine Forderungen sind konkret und endlich.
Der Feed ist das Gegenteil. Er ist so gebaut, dass nach dem einen Gegenstand der nächste kommt. Nicht die einzelne Nachricht ist das Problem. Das Problem ist, dass es keinen natürlichen Endpunkt der Forderung gibt.
Ein Buch hat eine letzte Seite. Ein Film hört auf. Beide entlassen einen wieder. Der Feed kennt diese Stelle nicht. Er ist die Serie, die nie ihr Finale erreicht – nach der Folge kommt die Folge, und das nächste Bild lädt schon, während das erste noch läuft. Es gibt keinen Punkt, an dem das Angebot von sich aus aufhört. Aufhören muss man selbst, gegen die Konstruktion.
Der amerikanische Theoretiker Jonathan Crary hat sich der Aufmerksamkeit von zwei Seiten genähert. Schon vor Jahren zeigte er, dass unsere Fähigkeit, aufmerksam zu sein, keine feste, natürliche Größe ist, sondern von jeder Epoche neu geformt und in Anspruch genommen wird; Aufmerksamkeit und Zerstreuung sind zwei Seiten derselben Geschichte. Für die Gegenwart fand er später eine Formel: 24/7. Eine Zeit ohne Pause, in der nichts mehr vorgesehen ist, das sich nicht nutzen, bespielen, verwerten ließe – bis hinein in den Schlaf, den letzten Rest, der sich dem noch entzieht.
Das lange Fahren ist auch so ein Rest. Kein Schlaf, aber eine Zeit, die für nichts anderes zur Verfügung steht.
Eine, die genau um dieses Wort ein Werk gebaut hat, war Simone Weil, französische Philosophin, zeitweise Fabrikarbeiterin, gestorben 1943 mit vierunddreißig Jahren. Sie hat die Aufmerksamkeit fast gegen unsere Alltagsbedeutung beschrieben: nicht als Anstrengung, nicht als Zugreifen, sondern als ein Aussetzen des eigenen Denkens – leer, wartend, nichts suchend, bereit, vom Gegenstand durchdrungen zu werden. Der Wille greift. Die Aufmerksamkeit empfängt. Zwei Weisen, wach zu sein – eine greifende und eine empfangende Aufmerksamkeit.
Vor dem Feed sind wir dagegen pausenlos am Greifen: wählen, wischen, reagieren, das Nächste. Das ist Wille, nicht Aufmerksamkeit. Erst wo das Greifen aufhört, wird die andere, ältere Form wieder möglich – aufmerksam zu sein, ohne etwas zu wollen.
Vielleicht ist deshalb nicht allein Zeit knapp. Knapp ist Zeit, in der niemand etwas von uns will – und in der wir selbst aufhören, etwas zu wollen.
Zwei Arten, leer zu werden
Weil ist an dieser Stelle eine unbequeme Zeugin. Sie hat die Erschöpfung nicht als Freiheit erlebt, sondern zuerst als deren Gegenteil.
Mitte der 1930er-Jahre ging sie freiwillig in die Fabrik, an die Presse, ans Fließband. Ihr Fabriktagebuch erzählt nicht von Läuterung durch harte Arbeit, sondern von deren Zerstörung. Die Müdigkeit machte nicht wach, sie machte stumpf. Vom Takt der Maschine, von der Uhr, vom Vorgesetzten getrieben, war am Ende kaum noch ein eigener Gedanke möglich. Sie nannte das später Unglück, malheur: einen Zustand, in dem der Mensch so gedrückt wird, dass die Seele selbst Schaden nimmt.
Erschöpfung an sich befreit also nichts. Sie kann ebenso gut auslöschen. Das ist die notwendige Bremse für jeden Text über lange Fahrten. Es gibt keine Erlösung durch Leiden. Zwölf Stunden Schmerz sind kein Beweis und keine Tugend. Wer das romantisiert, hat weder Weil noch Kilometer 200 verstanden.
Und doch unterscheidet Weil zwei Bewegungen, die von außen ähnlich aussehen. Die eine ist das erzwungene Leerwerden der Fabrik: getrieben, endlos, ohne selbstgesetztes Ende. Die andere ist die Leere, die man aushält, statt sie zu füllen – für sie beinahe eine Bedingung des Denkens. Das Ich zurücknehmen, damit die Welt eintreten kann. Die Stille nicht sofort mit sich selbst vollstopfen.
Aber die Werkbank füllte jede Minute mit fremdem Takt, der Weg lässt sie offen. Das eine wird einem angetan. Das andere wählt man, und es hört von selbst wieder auf.
Es ist schwer, darin nicht auch eine Diagnose der Gegenwart zu erkennen. Das Fließband, an dem Weil beinahe zerbrach, hat einen Nachfahren. Der Feed treibt nicht den Körper, aber er treibt: der nächste Reiz, die nächste Entscheidung, kein Ende, das man nicht selbst setzen müsste. Er füllt die Leere, bevor sie sich öffnen kann.
Warum wir so lange fahren
Vielleicht fahren wir also nicht acht oder zwölf Stunden, weil die Strecke so lang sein muss. Vielleicht braucht die Aufmerksamkeit einfach so lange, um wieder ziellos zu werden.
Die ersten Kilometer gehören noch dem Alltag. Man nimmt ihn mit auf das Rad. Termine sitzen in der Trikottasche, Gespräche fahren am Hinterrad, offene Aufgaben hängen irgendwo zwischen den Schulterblättern.
Das ist vielleicht der Grund, warum zwei Stunden manchmal nicht reichen. Nach zwei Stunden ist man gerade warm, körperlich und geistig. Man hat das Telefon nicht benutzt, aber innerlich noch alle Tabs offen. Nach sechs Stunden sind einige davon verschwunden. Nach zehn weiß man nicht mehr, welche.
Das klingt romantischer, als es sich anfühlt. Meistens tut irgendwann der Hintern weh. Die Hände kribbeln. Man ist müde von süßen Riegeln und würde für ein Käsebrot Dinge tun, die am Morgen unverhältnismäßig erschienen wären. Auch das gehört dazu.
Der Körper wird lauter. Vielleicht wird der Rest deshalb leiser.
Niemand will etwas
Am Abend weiß ich selten, worüber ich den ganzen Tag nachgedacht habe. Früher hätte ich das vielleicht für vertane Zeit gehalten. Heute bin ich mir nicht mehr sicher.
Wir leben in einer Gegenwart, in der beinahe alles um Aufmerksamkeit bittet und erstaunlich vieles so tut, als sei die Bitte dringend.
Das Fahrrad bittet auch. Um Druck auf dem Pedal. Um eine Linie durch den Sand. Um eine Hand am Lenker, wenn die Wurzel kommt.
Aber seine Forderungen sind endlich. Hinter der Wurzel kommt keine Benachrichtigung. Der Wald hat keinen nächsten Beitrag vorbereitet.
Auch das Fahrrad ist eine Maschine. Aber eine Gegenmaschine: Sie läuft im Takt des Körpers, nicht in dem eines Servers. Sie macht uns schneller, als wir gehen – aber nicht schneller, als wir denken können. Sie hat einen Freilauf; vielleicht gibt sie uns deshalb den Leerlauf zurück, den die anderen Maschinen abgeschafft haben.
Vielleicht fliehen wir am Ende gar nicht vor den Maschinen. Vielleicht nur auf die eine, die uns die Zeit nicht nimmt, sondern zurückgibt.
Literatur und Quellen. Die Aufmerksamkeitsbegriffe folgen Simone Weil: die Bestimmung der Aufmerksamkeit als wartendes, nicht greifendes Empfangen aus Das Unglück und die Gottesliebe (frz. Attente de Dieu, 1950), dort aus den Reflexionen über den rechten Gebrauch der Schulstudien; die Gedanken zu Leere und Entschöpfung aus Schwerkraft und Gnade (frz. La Pesanteur et la grâce, 1947); die Fabrikerfahrung und der Begriff des Unglücks (malheur) aus dem Fabriktagebuch (frz. Journal d’usine, 1934/35). Der Satz über das ruhige Verweilen im Zimmer stammt von Blaise Pascal, Pensées (postum 1670). Zur Ermüdung: Angelo Mosso, La Fatica / Die Ermüdung (1891), der körperliche und geistige Ermüdung zusammendachte (Überblick); Philippe Tissié, Psychologie de l’entraînement intensif (1894), zu Automatismus und „zweifachem Ich“ bei Radfahrern (Überblick). Der Befund zum schweifenden Denken stammt aus Benjamin Baird u. a., Inspired by Distraction: Mind Wandering Facilitates Creative Incubation, Psychological Science 23 (2012). Zu Jonathan Crary: Suspensions of Perception (1999) und 24/7 (2013).
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