Notizen zur Langstrecke · Erinnerung · Wahrnehmung

Warum die letzten fünf Kilometer länger waren als die ersten fünfzig

Was Erinnerung mit der Langstrecke macht: Peak, Ende, und warum die letzte Pflasterpassage größer wirkt als sie ist. Notizen aus sechs Jahren Postfach.

Eine Notiz aus dem Postfach, und vor allem: aus dem Ziel. Wer bei einer Langstrecke ankommt, redet — mit den anderen Finisher:innen, oft stundenlang. Was funktioniert hat, was nicht, mit welchem Mindset man durchkommt. Bei Bordeaux–Paris 1891 war das so, bei Wien–Berlin 1893, aber auch bei Wien–Berlin 2024 und 2025. Und nach jedem Grevet. Wir hören seit sechs Jahren zu — im Ziel, in Mails, in Anrufen am Tag danach. Bestimmte Sätze kehren wieder. Was hier folgt, ist der Versuch, diese Muster mit dem zusammenzubringen, was die kognitive Psychologie über Erinnerung weiß — Kahneman, Tversky, später Frankl und Bandura. Beides erklärt sich gegenseitig erstaunlich gut. Was hier steht, ist also weder reine Theorie noch reine Anekdote, sondern Beobachtung am Material, gestützt durch Forschung.

Der Satz fällt nach fast jeder langen Fahrt. Manchmal nach einer Stunde, manchmal nach drei Tagen. „War härter als gedacht.“ Er fällt selten umgekehrt. Niemand beendet eine 200-Kilometer-Tour mit den Worten „war angenehmer als gedacht“, obwohl das statistisch ebenso oft der Fall sein müsste. Die Asymmetrie hat einen Grund, und er liegt nicht in der Strecke.

Eine Mail nach jedem Grevet, sinngemäß immer dieselbe: Das Pflaster vor dem Ziel war die Herausforderung. Die Felder im Abendlicht auf dem Rückweg waren schön. Was dazwischen lag — sechs, sieben, acht Stunden gleichmäßiges Rollen über Forstwege — taucht in der Mail nicht auf. Es ist nicht vergessen. Es ist nur nicht erinnerungsrelevant. In einem solchen Satz steckt, was die kognitive Psychologie seit den späten Siebzigern auseinandergeklaubt hat. Pflaster: der Peak. Felder: das Ende. Eine Geschichte tendiert zu Anfang, Höhepunkt und Ende. Mehr verlangt sie selten, und mehr speichert das Gedächtnis selten zuverlässig.

Alte Mechanik, neue Strecken

Wir tragen ein Steinzeithirn durch die Postmoderne. Die Hardware, mit der wir Erfahrungen verarbeiten, ist auf eine Welt geeicht, die mit der heutigen wenig zu tun hat. Die Architektur, die heute Wochenendfahrten verarbeitet, hat sich über Hunderttausende von Jahren in einer Welt entwickelt, in der lange Tage zu Fuß die Norm waren — Hadza und andere heute noch lebende Jäger:innen-und-Sammler:innen-Gruppen legen im Schnitt neun bis sechzehn Kilometer am Tag zurück; männliche Hadza-Jäger erreichen auf langen Jagd-Tagen auch zwanzig Kilometer und mehr, bei Persistenzjagden auch das Doppelte — oft mit Lasten, oft auf unwegsamem Terrain. Schwere Stellen mussten markiert werden, weil man am nächsten Tag wieder vorbei kam. Das Vergessen einer Bedrohung konnte tödlich enden. Die Software, die auf dieser Hardware läuft, hatte eine klare Aufgabe: Schwierigkeiten überproportional speichern, damit sie beim nächsten Mal antizipiert werden.

Diese Hardware sitzt jetzt im Bürostuhl. Sie verarbeitet eine Wochenendfahrt mit demselben Apparat, der einmal entschied, ob man die Wasserstelle erreicht oder nicht. Drei Mechanismen sind dabei gut beschrieben.

Erste Mechanik. Daniel Kahneman und Donald Redelmeier veröffentlichten 1996 in der Fachzeitschrift Pain eine Studie, die heute als Grundlagentext der Erinnerungsforschung gilt. Sie beobachteten 154 Patient:innen während einer Koloskopie (Darmspiegelung). Im Sekundentakt sollten diese ihren Schmerz auf einer Skala bewerten, danach ihre Gesamterfahrung. Die Forscher erwarteten, dass die rückblickende Bewertung sich aus dem Durchschnitt aller Einzelbewertungen ergibt. Das tat sie nicht. Sie ergab sich aus zwei Punkten: dem schmerzhaftesten Moment und dem letzten Moment vor Ende der Untersuchung. Eine zweistündige Untersuchung mit moderatem Schmerz wurde als unangenehmer erinnert als eine dreistündige, deren letzte Minuten nur leicht unangenehm waren. Das ist die Peak-End-Regel.

Was im Gedächtnis bleibt, sind selten die Mittelwerte. Es sind die Extreme und die Schlusspunkte.

In der Forschung heißt das auch Duration Neglect: Die Dauer einer Erfahrung wird beim späteren Erinnern weitgehend ignoriert. Eine zwölfstündige Tour mit harten Schlusskilometern wird ähnlich erinnert wie eine sechsstündige mit denselben Schlusskilometern. Was hängenbleibt, ist nicht die Summe der Stunden, sondern wo die Spitzen lagen und wie es ausging.

Dass diese Mechanik an einer Koloskopie gemessen wurde, ist nicht zufällig. Schmerz in Wellen, über lange Zeit, mit ungleichmäßiger Verteilung — das ist genau das Profil, gegen das das Gedächtnis seine Gewichtungen entwickelt hat. Eine Pavé-Passage tut etwas sehr Ähnliches, nur an einer anderen Körperstelle. Hände, Sitzknochen, Schultern, statt Bauch. Der Apparat, der die Erinnerung formt, unterscheidet zwischen den beiden Situationen weniger, als man meinen würde. Die Koloskopie ist eine Stunde Pflaster, mit anderen Mitteln.

Zweite Mechanik. Sie kommt von Tversky und Kahneman selbst, in ihrem 1979 in Econometrica erschienenen Aufsatz „Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk“. Ihre Kernerkenntnis: Verluste werden subjektiv etwa doppelt so stark gewichtet wie gleich große Gewinne. Dieser Faktor heißt Loss Aversion. Übertragen auf eine Radtour: Angenehmes Rollen ist die Default-Erwartung. Es wird gar nicht als positiver Reiz codiert, sondern als „normal“. Reibung — Pflaster, Sand, Gegenwind, eine fehlgeschlagene Versorgung — ist hingegen ein Verlust gegenüber dieser Erwartung. Sie wird mit ungefähr doppelter Intensität gespeichert.

Dritte Mechanik. Der Negativity Bias — die generelle Tendenz, negative Reize stärker und schneller zu verarbeiten als positive. Sie ist evolutionsbiologisch plausibel: Wer Bedrohungen schneller erkennt, überlebt häufiger. Sie sorgt dafür, dass Negatives sich von selbst einschreibt, während Positives einen Stoß braucht.

Wenn die drei Mechanismen zusammenfallen

Die einzelnen Effekte sind gut belegt. Wie genau sie zusammenwirken, weniger — die Forschung dazu ist dünn. Was sich beobachten lässt: Wenn ein Reibungspunkt zugleich Peak (intensivster Moment) und nahe am Ende der Tour liegt und einen Verlust gegenüber der Erwartung darstellt, greifen alle drei Mechanismen ineinander — Loss Aversion gewichtet die Reibung stärker, Peak-End verschiebt zusätzlich (derselbe Reiz auf zwei Erinnerungspositionen), der Negativity Bias kommt obenauf. In der Summe ergibt sich eine deutliche Überhöhung — keine genaue Messung, aber stabil genug, um wiederzukehren.

Das lässt sich auch im Postfach beobachten. Mails, die nach den ersten zwei Dritteln einer Tour eintreffen, klingen meist anders als Mails aus dem letzten Drittel. Bis Kilometer 130 ist der Ton eher beschreibend — was lief, was nicht, wie das Material sich gehalten hat. Ab etwa Kilometer 150 ändert sich der Tonfall. Es geht ernster zu. Pannen wiegen schwerer. Versorgungsfragen werden zu Versorgungsproblemen. Der Pflasterabschnitt, der morgens harmlos war, wird abends zur Klippe. Wir lesen das nicht als Übertreibung. Wir lesen es als die Phase, in der Peak-End, Loss Aversion und Negativity Bias zusammen greifen — und in der wir am meisten sehen, welches Mindset zum Finish trägt und welches nicht.

Praktisch: Fünf Kilometer Pflaster im letzten Drittel werden erinnert wie ein Vielfaches. Eine Stunde Gegenwind im letzten Drittel wie drei. Ein verkorkster Versorgungsstopp am Ende einer Tour wie eine durchgehende Versorgungskrise. Das sind keine Übertreibungen einzelner Fahrer:innen. Das ist die typische Tendenz, mit der das Gedächtnis eine Erfahrung in eine erinnerungsfähige Form bringt.

Vom Krokodil zum Kopfsteinpflaster

Die Bühne ist eine andere geworden. Das Krokodil an der Wasserstelle, die ausgetrocknete Quelle, der Löwe auf der Strecke zwischen zwei Lagern — das alles waren reale Bedrohungen, gegen die das System eingerichtet wurde.

Heute ist das Krokodil eine geschlossene Tankstelle an einem Sonntag. Der Löwe ist ein Kopfsteinpflasterabschnitt nach Kilometer 184.

Nichts, vor dem man wirklich davonlaufen müsste, aber etwas, das das alte System aktiviert. Luxusprobleme. Selbst gewählt. Aber das Gehirn unterscheidet nicht zuverlässig — weder zwischen lebensbedrohlich und unbequem, noch zwischen aufgezwungen und freiwillig. Es bewertet die geschlossene Tür mit demselben Apparat, der einmal über Leben und Tod entschied — und schreibt eine Wochenendfahrt, zu der dich niemand verpflichtet hat, in die Form einer Krise, weil es keinen anderen Modus kennt. In der Evolutionspsychologie heißt das Mismatched Evolution: Steinzeit-Hardware in einer Umgebung, für die sie nicht gebaut wurde.

Eine besonders häufige Form dieser Übersetzung: Schmerz wird in Ärger auf andere umgeleitet. Die Sozialpsychologie nennt das Self-Serving Bias — Erfolge schreibt man sich selbst zu, Misserfolge den Umständen oder anderen. Das volkstümliche Echo dazu ist Sankt Florian: verschon mein Haus, zünd‘ andere an. In dem Moment fühlt sich das nicht wie eine Verzerrung an, sondern wie eine Tatsache: der Veranstalter hat zu viel Pflaster gelegt, der Mitfahrer fährt zu schnell, die Schilder sind unklar. Das ist keine bewusste Entscheidung. Sie funktioniert sofort. Sie ist die schnellste Lösung, die das alte System anbietet: Schmerz braucht eine Ursache, die Ursache liegt außen, gegen außen kann man sich wehren. Auf der Wasserstelle vor dem Krokodil war das eine gute Strategie. Auf Kilometer 184 ist es eine Schleife. Auf 150 Kilometern kann man sich durchschimpfen — bei längeren Distanzen brennt Sankt Florian irgendwann aus.

Das muss nicht schlecht sein. Im Gegenteil. Wir leben den Großteil unserer Tage in einer Welt, in der nichts wirklich auf dem Spiel steht. Der Bürostuhl ist sicher. Die Heizung läuft. Die meisten Widerstände, gegen die unsere Vorfahren sich wappnen mussten — Kälte, Hunger, Distanz, Raubtiere — sind technisch eliminiert. Die Existenz ist abgepuffert auf eine Weise, die historisch beispiellos ist. Gegen genau das rebelliert ein Teil von uns leise.

An dieser Stelle hilft eine Beobachtung von Viktor Frankl. Der Wiener Psychiater überlebte vier Konzentrationslager — darunter Auschwitz — und schrieb 1945 auf, was er dort gesehen hatte. Eine seiner zentralen Beobachtungen: Auch unter extremsten Bedingungen, selbst wenn alles andere weggenommen wird, bleibt dem Menschen „die letzte menschliche Freiheit“ — die Möglichkeit, in jeder gegebenen Lage Stellung zu nehmen.

Was Frankl beobachtet hat, lässt sich auch so beschreiben: Zwischen einem Reiz und der Reaktion auf ihn liegt ein Spielraum. Das Steinzeithirn liefert den Reiz fertig verarbeitet. Pflaster nach Kilometer 184 → Krise. Das ist die automatische Reaktion. Was das System nicht liefert, ist die Pflicht, dieser Reaktion zu folgen. Frankl hat diesen Spielraum unter Bedingungen entdeckt, unter denen er kaum existierte. Auf einer Wochenendfahrt, die du selbst gewählt hast, ist er erheblich größer.

Der Mensch ist eines der wenigen Wesen, das gleichzeitig in einer Situation stecken und sich von außen zu ihr verhalten kann.

Auf Kilometer 184 stecken wir drin. Beim Aufschreiben am Tag danach stehen wir neben uns.

Walter Benjamin hat das früh als die zentrale Verschiebung der Moderne beschrieben. Was wir den ganzen Tag erleben, sagte er, sind Erlebnisse — punktuell, konsumierbar, vorbei in dem Moment, in dem sie passieren. Was wir kaum noch machen, ist Erfahrung: das, was in einem Menschen bleibt, weil ein Körper etwas durchgearbeitet hat, weil Wiederholung, Widerstand und Rhythmus es eingegraben haben. Eine Langstrecke ist eine der wenigen Formen, in denen das wieder umkehrbar wird. Sie produziert nicht zwangsläufig Erfahrung — aber sie liefert die Rohmasse, aus der Erfahrung werden kann: Stunden, in denen ein Körper etwas durchgearbeitet hat. Was daraus wird, entscheidet sich am Tag danach, beim Erinnern, beim Erzählen, beim Aufschreiben.

Dass insgesamt fünf Kilometer Pflaster, verteilt über die letzten Kilometer einer Tour, sich existenziell anfühlen können, obwohl sie es nicht sind und obwohl du selbst dich aufs Rad gesetzt hast, ist also nicht nur ein Verarbeitungsfehler. Es ist ein Hinweis darauf, dass das System überhaupt noch funktioniert. Dass wir, wenn wir uns aussetzen — wirklich aussetzen, freiwillig, mit Rückfahrticket in der Tasche —, noch die Tiefe spüren können, gegen die unsere Vorfahren sich gewappnet haben. Und dass uns dieser Spielraum bleibt: zwischen dem, was der alte Apparat meldet, und dem, was wir daraus machen. Genau das holt uns heraus aus der Bürostuhlexistenz. Genau dafür fährt man Grevet.

In einer langen Tradition

Was im Aufmacher fast beiläufig stand, hat eine lange Tradition. Aristoteles beschreibt in der Poetik, dass eine Handlung Anfang, Mitte und Ende braucht — sonst ist sie keine Handlung, sondern eine Aufzählung. Was die kognitive Psychologie an der Erinnerung gemessen hat, ist also kein Defekt. Es ist die Form, die das Erinnern überhaupt erst zur Erzählung macht. Jerome Bruner hat das später als narrative Psychologie formuliert: Wir erleben in der Zeit, wir erinnern in der Form. Eine 200-Kilometer-Tour wird nicht als Zeitreihe gespeichert. Sie wird als Geschichte gespeichert. Und Geschichten haben Anfang, Peak, Ende.

Das ist nicht neu. Als die Langstrecke um 1900 entstand, war sie kein Sport im heutigen Sinn. Sie war ein Versuch, sichtbar zu machen, wozu der Mensch fähig ist — und wo seine Grenzen liegen. Bordeaux–Paris 1891, Wien–Berlin 1893, Paris–Brest–Paris 1891 wurden nicht gefahren, um schneller zu sein als andere. Sie wurden gefahren, um zu zeigen, dass es überhaupt geht. Was unter Belastung sichtbar wird — an Entscheidungsverhalten, an Wahrnehmung, an dem, was man hinterher erzählen kann — interessierte die Pioniere genauso wie das reine Ankommen. Philippe Tissié, Arzt und Mitgründer von Bordeaux–Paris, hielt diese Fahrten für ein Erkenntnisinstrument.

Wer heute eine Langstrecke fährt, steht in dieser Tradition, ob er es weiß oder nicht. Eine 200-Kilometer-Tour ist ein Versuchsaufbau. Die Erinnerungsmechanik, die der Text beschreibt, ist Teil dessen, was man dabei über sich erfährt. Peak-End, Loss Aversion, Negativity Bias sind keine Phänomene, denen man ausgeliefert ist. Sie sind Variablen, die man kennen lernt, indem man sie an sich selbst beobachtet. Wer das tut, fährt nicht mehr nur eine Strecke. Er führt ein Protokoll — und schreibt sich selbst hinein. Langstrecke wird zur Schule der Wahrnehmung: Sie reduziert den Lärm so weit, dass die eigenen Kurzschlüsse sichtbar werden. Wer sie einmal beim Auftauchen erkennt, kann zwischen ihnen und der eigenen Antwort einen Atemzug einfügen. Mehr braucht es nicht.

Was sich daraus machen lässt

Wer das alles kennt, fährt anders. Sehr gute Fahrer:innen kommen erstaunlich oft entspannt ins Ziel — gelöst, manchmal sogar gut gelaunt nach achtzehn Stunden im Sattel. Das ist nicht angeborene Stoik. Es ist die Folge davon, dass sie die Mechanismen einmal beim Auftauchen erkannt haben und ihnen nicht mehr nachlaufen. Die Verzerrung passiert weiter, das Steinzeithirn meldet weiter Krise — aber sie nehmen die Meldung als Information, nicht als Befehl.

Wer eine lange Tour in Abschnitte zerlegt, lässt die Peak-End-Maschine mehrfach laufen statt einmal. Die Forschung nennt das Segmentierung: Eine als Ganzes wahrgenommene Erfahrung produziert einen einzigen Peak und ein einziges Ende — und die Mechanik nimmt, was sie kriegt, oft eine harte Stelle und einen späten Schmerz. Dieselbe Erfahrung in vier Etappen gedacht — Aufbruch, Mittag, Nachmittag, Heimkehr — gibt der Erinnerung vier eigenständige Peak-End-Bilanzen. Manche Fahrer:innen denken Distanz lieber in Stunden als in Kilometern, weil sich Stunden gleichmäßiger anfühlen, während Kilometer zum Ende hin schwerer werden. Beides ist dieselbe Operation: dem Erinnerungs-System mehrere kleinere Auflagen geben, statt es eine große verarbeiten zu lassen.

Wer das Ende setzt, setzt die Erinnerung. Die letzten zwanzig Minuten prägen die Erinnerung an acht Stunden. Eine Tour, die als Ankunft endet — Asphalt nach dem letzten Schotter, ein Café, das auf hat, Felder im Abendlicht — wird anders erinnert als eine, die ausläuft.

Gute Punkte werden nicht von selbst gespeichert. Der Negativity Bias erledigt das Negative ohne Zutun. Das Schöne braucht einen kleinen Stoß — einen Halt, wenn das Licht über dem See bei Kilometer 36 stimmt. Drei solche Momente reichen, um zu verändern, was in zwei Wochen erzählt wird. Und sie helfen schon währenddessen: Wer den Blick aktiv auf das richtet, was gerade gut ist, übersteht das, was gerade schwer ist, leichter. Das ist kein Trick. Es ist eine Verschiebung der Aufmerksamkeit, die das Steinzeithirn nicht von selbst macht.

Was angekündigt ist, ist halb gefahren. Loss Aversion frisst da am meisten, wo nicht damit gerechnet wird. Wer weiß, dass auf Kilometer 184 das Pflaster kommt, gewichtet es einfach. Wer es nicht weiß, gewichtet es doppelt. Das ist Reframing der Default-Erwartung: Wer „auch Pflaster“ einrechnet statt „dürfte rollen“, hat keinen Verlust mehr, sondern eine erfüllte Erwartung.

Die mittleren Stunden melden sich nicht von selbst. Acht Stunden gleichmäßiges Rollen über Forstwege verschmelzen zu einer Hintergrundtextur — und sind doch der größte Teil der Fahrt. Sie sind der Grund, warum man nächstes Wochenende wieder losfährt.

Was sich überträgt

Beim zweiten Mal fährst du gegen die eigene Erinnerung — und merkst mitten drin, dass die Wirklichkeit kleiner ist als das Bild im Kopf. Der Pflasterabschnitt, der zwanzig Kilometer lang erschien, ist fünf. Das ist eines der besseren Geschenke der Langstrecke: die Erfahrung, dass etwas, das groß war, wieder auf seine tatsächliche Größe zurückgeht.

Sie überträgt sich. Auf andere Strecken, andere Vorhaben, andere Furcht. Auf das Projekt am Bürotisch, das in der Erinnerung an die letzten drei Wochen zur unbezwingbaren Wand geworden ist — und das, wenn man es am Montag sachlich aufschreibt, aus drei klar abgrenzbaren Teilaufgaben besteht. Auf das Gespräch, das man drei Tage vor sich hergeschoben hat und das in zwölf Minuten erledigt ist.

Sie überträgt sich auch auf Beziehungen. Ein typischer Ablauf: morgens zu wenig Zeit, eine Bemerkung im falschen Ton, die Zahnpasta falsch ausgedrückt. Nichts davon ist groß. Aber es ist das, was hängen bleibt. Am Abend lässt sich der Tag in drei Sätzen erzählen — und einer davon ist diese Stelle. Wer sie ausspricht, gewichtet sie ein zweites Mal. Was die Mechanik im Stillen tut, festigt das abendliche Meckern. Der Beziehungsforscher John Gottman hat das jahrzehntelang vermessen: Stabile Paare halten ein Verhältnis von etwa fünf positiven zu einer negativen Interaktion. Darunter kippt es.

Wer das kapiert hat, hat auch bessere Beziehungen — nicht weil er weniger merkt, was schiefläuft, sondern weil er aktiv das benennt, was geklappt hat. Negatives Feedback gibt der Negativity Bias schon. Positives muss von Hand kommen — am Küchentisch, in der Mail an die Kollegin, im Anruf am Sonntagabend.

Das andere verschwindet im Hintergrund. Dass jemand seit Jahren Kaffee macht. Dass der Einkauf erledigt ist, ohne dass man darüber spricht. Dass ein Gespräch ruhig geblieben ist, obwohl es hätte kippen können. Das alles passiert, aber es schreibt sich nicht von selbst ein.

Wenn man sich abends fragt, wie der Tag war, steht deshalb oft das Falsche im Vordergrund. Nicht, weil es mehr war, sondern weil es besser erinnert wird. Vielleicht müsste man dem öfter etwas entgegensetzen — die Sonne im Gesicht auf dem Heimweg, ein Lachen am Tisch, das erste Eis im April. Sonst schreibt das Gehirn Protokolle, in denen die Negativität führt, weil sie sich von selbst einträgt.

Vielleicht ist der Berg gar nicht so hoch. Vielleicht hat ihn nur derselbe Apparat aufgeblasen, der einmal vor dem Krokodil gewarnt hat und der heute keine besseren Aufgaben mehr findet.

Das ist im Kern, was Albert Bandura seit den späten Siebzigern als Selbstwirksamkeit beschreibt: das Wissen, eine bestimmte Klasse von Schwierigkeiten bewältigen zu können, weil man es schon einmal getan hat. Bandura nennt eigene gemeisterte Erfahrungen die stärkste Quelle dieser Überzeugung — stärker als Zuspruch, stärker als das Beobachten anderer. Eine 200-Kilometer-Tour, in der man das Pflaster fürchtet, dann durchsteht, dann beim zweiten Mal als kleiner erkennt als gedacht, ist genau eine solche Erfahrung. Sie überträgt sich aber nur, wenn man sie als eigene Leistung verbucht. Wer am Ende sagt „hatte Glück mit dem Wetter“, lernt weniger als wer sagt „ich bin durchgekommen“. Die Geschichte, die man sich abends erzählt, bestimmt, was am Montag noch davon übrig ist.

Eine Teilnehmerin hat es nach dem Social Grevet im Mai richtig zusammengefasst. Pflaster echt ne Herausforderung. Felder aufm Rückweg nochmal ganz schön. Genau in dieser Reihenfolge. Das Gehirn arbeitet ohnehin. Die Frage ist nur, ob du mitarbeitest.

Erster Text einer lockeren Reihe — Mechanismen, die Langstreckler:innen kennen sollten. Keine Berichte, keine Guides. Phänomene, die auf jeder Tour wiederkehren — und die weit über das Rad hinaus greifen, weil sie in der Hardware sitzen, die wir sowieso überall mit hin nehmen: ins Büro, in Beziehungen, in jede Entscheidung. Folgende Mechaniken sind in Vorbereitung: warum man auf langen Strecken zu spät isst (und warum das auch der Grund ist, warum Verhandlungen nach 22 Uhr schiefgehen). Warum man nach vierzehn Stunden zu schnell fährt (und warum Müdigkeit Risiken systematisch falsch einschätzt). Warum die schwerste Entscheidung selten die ist, die man fürchtet.

Literatur

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