Wien–TriestAusgabe 2026Erfahrungsbericht

Ein Rückblick auf die Ausgabe 2026: die Hitze, das Feld und ein ganzes Bündel Geschichten, die alle am selben Wasser enden.

Am Ende steht immer das Meer.

Wer Wien–Triest fährt, fährt auf eine bronzene Kompassrose zu, eingelassen in den Stein des Molo Audace, dort wo die Mole in die Adria hinausläuft und die Straße endgültig aufhört. Über Jahre ist daraus ein Ritual geworden: das Rad an die Rose gelehnt, ein Cognac zum Sonnenuntergang, ein erster Atemzug, in dem es nicht mehr um Kilometer geht. Kein Podium, kein Zielbogen mit Sponsorenwand. Nur einer, der ankommt, und das Wasser, das schon da war.

Die Strecke hat einen langen Sog. Sie läuft von Wien nach Süden, über den Semmering, durch Slowenien, über den Karst, hinunter zu dem Hafen, der einst Mitteleuropa mit der Adria verband — eine Kreuzung der Sprachen und Kaffeehäuser, dort wo die Berge endlich ans Meer stoßen. Über weite Strecken folgt sie dabei einer alten Spur: der Südbahn, jener Eisenbahn, die im 19. Jahrhundert als erste Wien mit Triest verband und sich über den Semmering ins Gebirge schraubte. Man fährt, ohne es recht zu merken, entlang einer Linie, die längst vor einem gezogen wurde — und die weit im Süden, in Slowenien, noch einmal auftauchen wird. Für viele ist Wien–Triest deshalb weniger ein Rennen als eine Pilgerfahrt.

Distanz638 km
Höhenmeter≈14.000 hm
Länder3
Höchster Punkt1.180 m

Der Auftakt

Der Anfang liegt nicht am Meer, und er liegt auch nicht am Tag des Aufbruchs. Er liegt am Abend davor, in einem Fahrradladen. Starbike am Wiener Praterstern, Vorabend des Aufbruchs: Hier werden die Tracker ausgegeben, hier lehnen die Räder an der gelben Wand, es riecht nach Kofoloa und Kettenöl, und die Nervosität hat noch etwas Beiläufiges. Man kennt sich halb, man mustert die Aufbauten des anderen — wer fährt mit Lenkertasche, wer mit Rahmentasche, wer mit einem GPS im Gefrierbeutel gegen einen Regen, den es dann gar nicht geben wird. Jemand verteilt schwarze Beutel, „Distanzradfahrt Wien–Triest“ darauf gedruckt — halb Andenken, halb Versprechen. Danach geht es zum Warmfahren noch einmal locker über die Donauinsel, eine kurze Runde im Abendlicht, mehr Kennenlernen als Training: die Beine drehen, den Sitz prüfen, das Feld einmal spüren, bevor es sich am nächsten Morgen auflöst.

Der eigentliche Start fällt dann am Samstag, um zehn, am südlichen Rand der Stadt, in Wien-Inzersdorf. Kein großes Zeremoniell — ein Aufstellen, ein letzter Blick auf die Uhr, und dann rollt das Feld los, nach Süden, dorthin, wo das Flache allmählich in die ersten Anstiege zum Semmering übergeht. Das Unspektakuläre ist Programm — fahrbar statt spektakulär, und der Satz gilt, bevor der erste richtige Kilometer gefahren ist. Wien entlässt sie so beiläufig, wie es sie am Abend zuvor aufgenommen hat, und der lange Sog beginnt zu ziehen.

Eine Fahrt durch Landschaften

Die Strecke hat ihre eigene Dramaturgie. Aus dem Flachland südlich von Wien schraubt sie sich über den Semmering und die steirischen Höhen, vorbei an einsamen Schutzhäusern jenseits der Tausendermarke, wo der Wind auch im Sommer kühl über die Kämme streicht — und nach etwa einem Drittel liegt Graz. Die steirische Hauptstadt mit dem Uhrturm über dem Schlossberg ist der letzte große Ort vor dem Wilden: Heimatrevier der Gravel Grinders, Checkpoint und Nachschublager zugleich, die Stelle, an der man ein letztes Mal in Ruhe die Flaschen füllt, bevor die Zivilisation ausdünnt. Danach wird es einsam: die Kürbiskernfelder der Südsteiermark, in denen das Öl schon in der Luft zu liegen scheint, die grüne Grenze nach Slowenien, wo ein Schild den Länderwechsel oft eher verschweigt als verkündet, Ljubljana mit dem Drachen im Wappen — und schließlich der karge Karst, über den die Strecke zum Meer hin abkippt. Es ist keine Fahrt durch Orte. Es ist eine Fahrt durch Landschaften, die immer stiller werden, je näher das Wasser kommt.

Und sie hat ihre ikonischen Orte. Den Semmering, die erste große Prüfung, die einem sagt, worauf man sich eingelassen hat — zugleich die spektakulärste Etappe der alten Südbahn, deren Trasse sich hier in Kehren und Viadukten ins Gebirge legt. In Slowenien, südlich von Vrhnika, den Štampetov most — einen Stein-und-Ziegel-Viadukt von 1856, gebaut für dieselbe Südbahn, die einst Wien mit Triest verband, und im Zweiten Weltkrieg von den Partisanen gleich dreimal gesprengt, um die deutschen Nachschublinien zu treffen. Dieselbe Linie, die einst Menschen ans Meer brachte, wurde später selbst zum Kriegsschauplatz.

Was am Semmering als Bahn begann, kehrt hier wieder: Der Anfang der Runde folgt der Südbahn ins Gebirge, und ausgerechnet an ihrem gesprengten Viadukt schließt sich der Bogen. Und, ganz am Schluss, die alte Parenzana — die schmalspurige Bahntrasse, die einst Triest mit Poreč verband und heute als Radweg durch dunkle Tunnel und über Viadukte vom Karst herunterführt. Hinter dem letzten Tunnel liegt ohne Vorwarnung der Golf von Triest da; die Strecke kippt über die Dächer der Stadt zum Wasser und hört dann einfach auf.

Streckenverlauf Wien–Triest 2026 mit Höhenlinie von Wien über Graz und Ljubljana zum Štampetov most nach Triest
Die Linie nach Süden — Streckenverlauf der Ausgabe 2026.
Höhenprofil Wien–Triest 2026 — ≈14.000 Höhenmeter, Hochpunkt 1.180 m
Höhenprofil · 638 km · ≈14.000 Höhenmeter.

Nur das Wetter kippte

Es ist eine ähnliche Linie wie im Jahr zuvor, dieselben knapp 14.000 Höhenmeter — nur der Himmel war ein anderer. 2025 kämpften die Fahrer:innen gegen Dauerregen und Gewitter; Riccardo Plesnicar erreichte das Meer damals in rund 65 Stunden. 2026 waren es Hitze und Trockenheit, und man hätte das Gegenteil erwartet: dass es schneller ginge. Es ging langsamer. Die Strecke blieb dieselbe; nur die Bedingungen machten aus derselben Linie eine andere Fahrt. Über dem Asphalt flirrte die Luft, der Schotter gab die Wärme des Tages noch lange nach Sonnenuntergang zurück, und das Wasser in den Flaschen wurde lauwarm, kaum dass man es gefüllt hatte. Die Hitze, so stellte sich heraus, war am Ende schwerer zu tragen als der Regen. Die Berge blieben, wo sie waren; nur die Luft stand.

Ein Feld voller Geschichten

Wien–Triest erzählt nie nur ein Ergebnis. Es erzählt ein Feld.

Da war Florentin Spriegl, der Erste am Wasser — und ausgerechnet der, den vorher niemand auf der Rechnung hatte. Am Checkpoint Graz noch der Außenseiter, tief in den slowenischen Bergen die stille Überraschung, während vorne die frühen Favoriten führten. Dann verließen die bekannten Namen nacheinander die offizielle Route, und der Außenseiter fuhr bis ans Meer. Er tat es auf einem 900-Euro-Pendelrad, mit mechanischen Bremsen, einer Übersetzung größer als 1:1 — keine Hilfe bergauf, keine bergab — und einem GPS im Gefrierbeutel gegen den Regen, den es dann gar nicht gab. Geschlafen hat er, wo die Strecke es zuließ: bei Warmshowers-Gastgebern, einmal biwakiert unter offenem Himmel, einmal in einem Hostel mit All-you-can-eat-Pasta, das an ihm mit ziemlicher Sicherheit draufzahlte. Zu Hause verfolgten Familie und Freunde tagelang jeden Punkt im Tracker und warteten am Ziel mit handgemalten Schildern.

Die Straße fragt nicht nach dem Material. Sie fragt nur, ob man weiterfährt.

Die Distanz ist der Held; der Fahrer ist der Beweis.

Da waren Kristýna Rousová und Jan Lechner aus Prag. Über die letzten Kilometer der alten Parenzana rollte, bei Sonnenuntergang, Kristýna ans Wasser und wurde zur ersten Frau, die Wien–Triest 2026 beendete — Jan die ganze Strecke an ihrer Seite. Nicht als Rennen gegeneinander, sondern als gemeinsame Reise. Die beiden fuhren es auf die ehrliche Art: die meisten Nächte draußen, unter freiem Himmel. Jans Tracker gab am dritten Tag bei einem Prozent auf, hoch in den Bergen — kein Strom, wenn man im Freien schläft. Er fuhr ungetrackt weiter und kam trotzdem mit ihr an. Am Molo dann die Tradition: ein Cognac am Wasser, später Barcola, ein Sprung ins Meer, Aperol und Pizza am Stadtstrand.

Da war Volker Hollenstein, der vom Rennrad kommt — schnelle Gruppen, glatter Asphalt, ein Rad, das läuft, und wenn nicht, macht es der Shop. Bremsbeläge selbst wechseln? Hatte er noch nie gemusst. Wien–Triest fragt anders: kein Begleitwagen, keine Box, kein Ersatzrad. Der eigentliche Sprung war nicht der von der Straße auf den Schotter, sondern der vom Versorgtwerden zum Selbermachen — vom Fahrer, der sich auf sein Material verlässt, zu einem, der es versteht. Er kam als Zweiter ans Wasser — aber seine eigentliche Langstrecke bestand genau darin.

Und da war, ausgerechnet, der Mann, der das Ganze mitgebaut hat: Philipp Gebhardt, Obmann der Gravel Grinders Graz, Österreichs erstem Verein für Gravel und Bikepacking. Er hat drei der vier österreichischen Routen gescoutet, und Jahr für Jahr stellt sein Verein den Checkpoint in Graz. Diesmal saß er selbst im Sattel — und kurz hinter der Heimatstadt verloren die Anstiege gegen seine Übersetzung und die schwere Beladung. Die offizielle Route wurde irgendwann nicht mehr machbar. Ein anderer wäre heimgefahren. Philipp nahm seine eigene Linie nach Triest, kam dort an — und blieb, um am Molo auf die anderen zu warten. Als der zweite Finisher einrollte, war er da, um ihn zu empfangen. Der Mann, der für andere Ziele baut, gab an diesem Abend den Gastgeber.

Da war Christopher Kühl, der im Jahr zuvor bereits Wien–Berlin zu Ende gefahren war — wie Philipp einer von denen, die die lange Linie schon in die andere Richtung kannten. Diesmal kam er nicht allein: gemeinsam mit Roman rollte er im Mittelfeld ans Wasser, ohne Drama, einfach zwei, die es miteinander durchzogen. Das Eindrücklichste an seiner Fahrt war fast die Rückreise: kein Flug, kein Abholservice, sondern fünfunddreißig Stunden Flixbus zurück nach Norden — quer durch dieselbe Distanz, die er sich eben erst erkämpft hatte. Es ist die unglamouröseste Heimkehr, die man sich vorstellen kann, und genau deshalb passt sie zu allem anderen.

Und ganz am Schluss, im roten Laternchen, Brice Tonnellier — Franzose, der in Wien lebt, und der Letzte am Wasser. Er war sich bis zuletzt nicht sicher, ob er es überhaupt schafft; mindestens sieben Tage, dachte er. Einen Tracker wollte er nicht — damit im Ziel niemand auf ihn warten muss. Also machten wir sein Handy zum Tracker. Streckenweise fuhr er unsichtbar — ein Punkt, der auf keiner Karte auftauchte. Die richtige Übersetzung machte möglich, was er selbst kaum erwartet hatte; den Rest tat der Kopf. Am dritten Abend nach den Ersten rollte er ans Meer, sichtlich erleichtert, und bekam denselben Cognac wie alle vor ihm, dieselbe Pizza am selben Strand. Am Ende saß der Letzte am selben Tisch wie alle.

Und dann war da Graz — für viele nur der Checkpoint auf halbem Weg, für einige aber das Ziel selbst. Den Kontrollpunkt in der Mitte der Strecke bespielen die Gravel Grinders Graz Jahr für Jahr; diesmal wurde er für mehrere Fahrer zur Ziellinie. Patricia hatte Graz von vornherein als ihr Ziel gesetzt und erreichte es ehrlich; für andere wurde die steirische Hauptstadt zum Schlusspunkt, weil die Strecke sich als größer erwies als gedacht. Auch das gehört zu Wien–Triest: dass es nicht die eine Ziellinie gibt, sondern viele — und dass jede von ihnen zählt.

Denn nicht jede Geschichte fand ihr Ende am Wasser. Die Hitze forderte ihren Anteil, lange bevor der Karst in Sicht kam: Namen, die vorne geführt hatten, verließen einer nach dem anderen die offizielle Route; einer wich einem Ziesel aus und stürzte. Kein Podium, kein Preisgeld — und trotzdem gehört jeder von ihnen dazu. Gerade diese Fahrten machen spürbar, was es kostet, bis ans Meer zu kommen.

Eine Linie, die weiter zurückreicht

Jede Ausgabe schreibt nur ein weiteres Kapitel derselben Geschichte.

1893 stand bei der ersten Distanzradfahrt Wien–Berlin ein Unbekannter am Start in Floridsdorf, in armseligem, dünnem schwarzem Trikot, auf einem schweren Styria-Tourenrad. Man belächelte ihn; kaum jemand traute ihm etwas zu. Franz Gerger fuhr sich über 582 Kilometer durch Gewitter, Dunkelheit und Kopfsteinpflaster auf Platz drei und war erster Österreicher im Ziel. Kurz vor Berlin reichte ihm ein Fremder vom Rad her einen Becher Milch mit Cognac. Sein Bericht ist kein Heldengedicht, sondern eine ehrliche Abrechnung mit Nässe, Hunger und der mentalen Härte solcher Fahrten — und mit der Erkenntnis, wie wenig die Ausstattung zählt, wenn der Wille stark genug ist. Mehr als 130 Jahre später steht am Start immer noch jemand, der sich unsicher fühlt — und fährt trotzdem bis zum Ende. Dieselbe Linie nach Norden wird bis heute gefahren — zuletzt 2024, festgehalten im Rückblick auf den Supergrevet von Wien nach Berlin. Andere Räder. Dieselbe Straße.

Die Stadt und der Ausklang

Triest empfängt seine Fahrer mit dem, was ihnen die Berge tagelang vorenthalten haben: dem Meer. Nach der Hitze im Landesinneren gibt die Küste etwas zurück — die Abendbrise vom Wasser, die Adria warm und fast flach, das Licht weicher, als es tagsüber war. Die Luft wechselt mit jedem Höhenmeter der Abfahrt: erst der sonnenheiße Stein und das Salz auf der Mole, dann, kaum ist man in den Gassen, der Kaffee, der aus den alten Cafés an der Uferpromenade zieht — das ist Triest, halb Wien, halb Mittelmeer, ein Hafen, der nie recht wusste, zu welchem Land er gehört. Am Molo Audace der Cognac, das Rad an die Kompassrose gelehnt; unten in Barcola das Schwimmen im lauen Wasser, der Aperol, die Pizza im Karton auf den Knien, während die Sonne in die Adria fällt. Kein großes Finale. Ein Abend unter Freunden, an dem die Kilometer langsam aus den Beinen weichen.

Danke

Solche Ausgaben passieren nicht von allein. Unser Dank gilt David — Wiener, vom Kurbel Kollektiv, der die Fahrer am Wasser in Empfang nahm. Dass ausgerechnet ein Wiener sie in Triest erwartete, schloss den Bogen der alten Linie an beiden Enden: die Stadt, aus der sie aufgebrochen waren, war auch am Meer noch da. Unser Dank gilt Star Bike am Wiener Praterstern, wo am Vorabend die Tracker ausgegeben wurden und die Runde über die Donauinsel begann; den Gravel Grinders Graz, die einmal mehr den Checkpoint in Graz gestellt und das Feld durch ihre Stadt begleitet haben; den Warmshowers-Gastgebern und allen, die irgendwo zwischen Wien und Triest ein Stück dieser Fahrt möglich gemacht haben und in der Hitze gewartet haben, bis der Letzte da war. Und er gilt unseren Partnern FARA, Hase Bikes und POC, die das Ganze mit ihrer Unterstützung überhaupt erst möglich machen und FUERST WIACEK, die uns gerne ihr weltbestes Bier mitgegeben hätten.

Kein Podium. Kein Preisgeld. Nur die alte Straße ans Meer — und die Menschen, mit denen man sie fährt. Bis zur nächsten Linie nach Süden. Das Meer bleibt. Wir kommen wieder.

Keine Show. Nur das Weite.

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Quellen & Hintergrund

Franz Gerger, Wien–Berlin 1893

Zeitgenössischer Fahrtbericht zur ersten Distanzfahrt Wien–Berlin (582 km); überliefert u. a. bei Röschel, „Der Radfahrer“ (1936). Platz 3, erster Österreicher im Ziel.

Štampetov most (Štampe-Viadukt), Slowenien

Stein-und-Ziegel-Viadukt der k. u. k. Südbahn, 1856; im Zweiten Weltkrieg mehrfach von Partisanen gesprengt.

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